Gegenwartslatein

Um es von vorneherein klarzustellen: Latein lebt, ist also keinesfalls eine – wie gern behauptet wird – „tote Sprache“. Eine wirkliche tote Sprache wäre z.B. Altbabylonisch, dies nur zum Vergleich.

Eine Sprache, in der nach wie vor kommuniziert wird, in der publiziert wird und die sich wie jede andere Sprache der Gegenwart auch ständig verändert und neue Wörter aufnimmt, kann wohl kaum das Prädikat „tot“ führen. Die beiden neulateinischen Wörterbücher, „Lexicon Auxiliare“ und „Lexicon recentis latinatis“ unterliegen einer permanenten Bearbeitung. Immer wieder reizt es Dichter der Gegenwart, sich selbst in der Sprache Ovids zu versuchen, zu nennen wären hier vor allem Walter Berger und Thomas Lindner. Radio Bremen veröffentlicht regelmäßig aktuellle Nachrichten in Lateinischer Sprache. Die Eröffnung der Fußball-WM durch Horst Köhler las sich darin z.B. wie folgt: „Initio ludorum magno cum adparatu celebrato atque oratione Horst Köhler praesidentis Rei Publicae Foederalis Germaniae habita manus Germanica primo certamine pedilusores Costae Ricae vicit.“. Auch die populäre Lexikonseite Wikipedia gibt es komplett in Lateinischer Version und im Internetforum „Grex Latine Loquentium“ kann man mit Gleichgesinnten weltweit auf Latein palavern. Der Wiesbadener Altphilologe Karl-Heinz Graf von Rothenburg übersetzte sogar als „Rubricastellanus“ Asterix-Comics auf Latein, sein aktuellster Band heißt „Asterix apud Helvetios“ (Asterix bei den Schweizern). Eigentlich gibt es nichts, was es nicht auch auf Latein gibt. Selbst „Harry Potter und der Stein der Weisen“ blieb davon nicht verschont und ist bereits unter dem Titel“ Harrius Potter et Philosophi Lapis“ auf Latein übersetzt worden. Daneben gibt es auch Latein als Sprache der Popmusik, z.B. „Cursum Perficio“ von Enya.

Erneut ist es aber vor allem die (katholische) Kirche, die diese Sprache aufrechterhält, denn Latein ist noch immer die offizielle Sprache des Vatikans, wie auch alle päpstlichen Publikationen auf Latein erfolgen, wie z.B. die aktuelle Enzyklika Papst Benedikt XVI, die den Titel „Deus Caritas est“ trägt. Benedikt XVI, der selbst auch Italienisch spricht, ist dafür bekannt, daß er das Lateinische dem Italienischen vorzieht. Bis 1970 war Latein die einzige ofizielle Gottesdienstsprache, daran hat sich bis heute nur soviel geändert, als das Gottesdienste jetzt auch zusätzlich in der Landessprache durchgeführt werden dürfen. Die Deutsche Redaktion des Radio Vatikan sendet aktuelle Deutsche Meldungen auf Lateinisch.

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